Franz Marc (1880-1916)

Biografie
Franz Marc wird am 8.2.1880 in München geboren. Für kurze Zeit erwägt er ein Theologiestudium. Er entscheidet sich aber für die Malerei und ist 1912 zusammen mit Kandinsky Gründungsmitglied der Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter". Mit einer Mischung aus Sendungsbewusstsein und Zivilisationsverdrossenheit begrüsst Franz Marc den Krieg als heilsamen Reinigungsprozess, den er als Freiwilliger am 4.3.1916 vor Verdun nicht überlebt.

Rehe in der Dämmerung, 1909, Öl auf Leinwand, 70,5 x 100,5 cm
© Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
Das vorwiegend in Gelb-, Ocker- und Brauntönen gehaltene Gemälde fängt in der suggestiven Anlage der Nahsicht zwei scheue, nach Nahrung suchende Rehe ein, die wie zufällig vom Zoom eines Fotoapparates erfasst scheinen. Die Darstellungsprinzipien der Profilansicht sowie einer von einem leicht erhöhten Augenpunkt gesehenen Frontansicht, verbunden mit dem zurück gewandten Kopf, implizieren als Kontrast das edle Gepräge der Tiere und das aussergewöhnliche Geschehen. Die Posenhaftigkeit der andächtigen Szenerie zielt auf das Pathos der Erhabenheit. Die Symbolkraft der Rehe verdeutlicht die Wesenszüge von Unschuld und reinem Dasein und spielt auf eine neue Beziehung zur Welt an, deren wir in identifikatorischer Absicht als Heilserfahrung teilhaftig werden.

  Wahrnehmungstext von Garda Alexander   Kunstgeschichtliches zum Werk

Blaues Pferd I, 1911, Öl auf Leinwand, 112 x 84,5 cm
© Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
Das Blaue Pferd richtet sich vor dem Hintergrund einer vom Kubismus beeinflussten Landschaft auf, die durch die Anordnung der Farben ein Spannungsfeld komplementärer Farbkontraste erzeugt. Die blaue Farbe des Pferdes steht Franz Marc zufolge für das "geistig-spirituelle und männliche Prinzip", das sich über die materielle Wirklichkeit erhebt, während der leicht nach links zur Seite geneigte Kopf - in der sinnenden und zugleich empfindenden Pose des Denkers - ikonografisch auf die Tradition des Figurenbildes rekurriert. Die Tierdarstellung verdeutlicht das menschliche Denkvermögen mit den religiösen Attributen der Unschuld, Ursprünglichkeit und Lebendigkeit idealtypisch als eine höhere spirituelle Welterfahrung.

  Wahrnehmungstext von Garda Alexander   Kunstgeschichtliches zum Werk

Der weisse Hund (Hund vor der Welt), 1912, Öl auf Leinwand, 111 x 83 cm
© Privatbesitz, Zürich
Mit der Dreiviertelrückenansicht des weissen sitzenden Hundes, dessen Kopf in einem stark verkürzten Profil gesehen wird, eröffnet Marc eine doppelte Perspektive: Die Sichtweise mit den Augen des Tieres als auch jene der BildbetrachterInnen über die Schulter des (weissen=heiligen) Tieres hinweg in die Landschaft als Repräsentant des Weltganzen. Dieses Darstellungsprinzip war in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts in Verbindung von Menschenfiguren und Landschaft omnipräsent, hingegen in der Gattung des Tierbildes unbekannt. Der Versuch des Malers, die Sehweise des Hundes auf die durch komplementäre Farbkontraste vermittelte Landschaft zu adaptieren, veranschaulicht die Überlegenheit einer spirituellen gegenüber einer materialistischen Sicht auf die Welt. Dem Tier kommt eine Erlöserfunktion zu.

  Wahrnehmungstext von Garda Alexander   Kunstgeschichtliches zum Werk